Zeugnistag(2)

Dann gibt es Zeugnisse. Mit großem Hallo vergleichen die Kinder erst ihre zweiten Vornamen und dann ihre Wortgutachten und stellen interessierte Rückfragen: „Ist ‚musikalisch im Wesentlichen talentfrei‘ jetzt gut für wenn ich zu RTL Superstars möchte?“ (Nein, ganz sicher nicht. Die Musiklehrerin lässt die kleine Connie nicht mehr mitsingen, weil sie immer alle anderen rausbringt.) „Wieso haben Sie da ‚ruhiger Schüler‘ hingeschrieben?“ (Weil mein erster Vorschag ‚fauler Lump‘ der Schulleitung zu undiplomatisch war) „Wieso steht bei mir meist lobenswertes Verhalten und bei Tom vorbildlich?“ (Weil der Kollege Spezinger dich hinter der Turnhalle beim Andiewandpinkeln erwischt hat) „Wieso hab ich nur eine drei in Sport?“ (Du hattest deinen Turnbeutel nur dabei, wenn du hundertprozentig sicher warst, dass ausschliesslich Fussball gespielt werden würde) „Was meinen Sie mit ‚beteiligte sich in seinen Neigungsfächern gern am Unterricht‘?“ (Du hast in Geschichte mitgemacht, weil du insgeheim in die Lehrerin verschossen bist, sonst in keinem Fach).

Die unfaire Sozialneid-Ferienzielvergleichsrunde schenke ich mir – schon allein, weil ich selbst noch keine tollen Pläne für die Ferien habe. Also, ausser morgen früh gleich wieder in die Schule gehen, um den ganzen Papierkram zu machen – Zeugniskopien abheften, das Klassentagebuch auswerten, die Schülerakten durchsehen und lauter so erquickliche… Es klopft.

„Ja, was gibt’s?“ Eine Abordnung von Neuntklässlern steht vor der Tür. „Wegen unserer Toskanafahrt, da gibt’s ein tolles Angebot im Reisebüro, wollen Sie da vielleicht buchen?“ – „Dann könnten wir im September gleich losfahren.“ Ins Reisebüro will ich gerade nicht, und eigentlich machen wir Abschlussfahrten am Ende des Schuljahres. Die Schüler sehen mich hoffnungsvoll an. Ich muss Zeit gewinnen. „Fragt mich heute Mittag nochmal, um eins vorm Lehrerzimmer.“ Die Schüler gehen.

An die Sechstklässler vor mir verteile ich jetzt der Reihe nach einen gemischten Stapel zukünftiges Altpapier: Den letzten Elternbrief des Jahres vom Elternbeirat, eine Einladung zu einem Schnupperwochenende beim örtlichen Tennisclub, das Ferienprogramm der Stadtverwaltung, und weil ich gerade in Schwung bin noch einen Klassensatz Berufsinformationshefte für Schulabgänger, die ich in der Pultschublade gefunden habe.

Plim-Plam-Ploing. In den Klassenzimmern rundherum steigert sich der Lärm zum Schuljahresend-Jubel. Ah, dann ist jetzt wohl Schluss. „Schöne Ferien, und wachst ein bisschen!“ „Uhuärgahuuu Feeeeeriiiiieeeeeeeeen!“

Durch das Klassenzimmerfenster sehe ich, wie die Kids schnell aus der Schule rennen – die Kleineren laufen zu den silbern glänzenden SUVs ihrer Eltern, die die Straße bis hoch zur nächsten Kreuzung verstopfen, die Größeren zum Mofaparkplatz, um sich ein letztes Mal dieses Schuljahr auf ihren Chinakrachern in Pose zu setzen, die Helme in der Hand, die Zweitakter unter ihnen und sechs Wochen Freiheit vor ihnen.

„Hängst Du immer noch hier rum? Beeil Dich, es ist Konferenz, der Chef ist auch schon da.“ Die Hauswirtschaftskollegin schaut mich gehetzt an, schüttelt den Kopf und joggt zum Lehrerzimmer. Ich trotte hinterher.

Zeugnistag (1)

Endzeitstimmung: Wie jedes Schuljahr bekommen auch dieses Jahr zum Jahresende die Kids Zeugnisse. Was sich so banal nach Naturgesetz anhört, nach Regelmäßigkeit und Berechenbarkeit, ist für die Schüler ein echter Grund für Angst: Hab ich bei 4,52 in Mathematik eine Vier bekommen, habe ich in Bio wirklich alle Noten in meine total akkuraten Notenlisten im Hausaufgabenheft eingetragen und bin ich bitte nicht der Einzige aus der Klasse mit einer Vier in Sport?

Vor den Zeugnissen verteile ich an meine sechste Klasse – ja, ich bin dieses Jahr (also eigentlich nur noch heute, am besten Tag des Jahres) für knappe dreißig Sechstklässler zuständig – erstmal Elterninfobriefe, die versuchen, die Zeugnisse kleinzureden. „Alles nicht so schlimm.“, „Es gibt wichtigere Dinge im Leben als die Schulnoten.“, „Bei Fragen zum Zeugnis kontaktieren Sie Ihren Klassenleiter, Beratungslehrer oder Direktor.“ Die Fragen sollten aber besser bis 12.15h auftauchen, danach sitzen wir beim traditionellen Schuljahresendgrillen im Schulhof, da geht eher keiner mehr ans Telefon.

In meiner Klasse sitzt Manuel. Manuel ist mit seinen vierzehn Jahren der Klassen-Senior, und seine Eltern haben eine Bäckerei. Diese Bäckerei wird Manuel mal übernehmen, und damit eine uralte Familientradition weiterführen: „Brunnerbäcker – der Traditionsfamilienbäcker seit 1823“. Uralt und rustikal sind neben den knochenharten Geheimrezept-Backwaren (legendär: das „Mischbrot traditionell“) auch die Erziehungsmethoden im Hause Traditionsbäckerbrunner. Deswegen gibt es für den faulen Bäckersbuben einen pädagogischen Weichspül-Beipackzettel: Brunner junior soll die möglicherweise drohendeTraditionswatschn für seinen Deutsch-Fünfer erspart werden. Es müsste eigentlich klappen: Das Schreiben hat sehr viele Stempel und Siegel, Wappen und Unterschriften drauf, so dass an die Obrigkeitshörigkeit der Traditionsbackeltern appelliert wird. „hat ansonsten herausragende Leistungen und Lernwillen gezeigt…“ Ich drücke ihm die Daumen.

Dann gibt es die Siegerurkunden für die Bundesjugendspiele. Die schnelleren oder weiter werfenden oder so bekommen Ehrenurkunden, die dann der Bundespräsident unterzeichnet hat – beim spontanem Präsidentenrücktritt mussten damals alle Urkunden neu gedruckt werden, das war ein Spaß. Tatsächlich bekommen die meisten Jungs Siegerurkunden. Erstaunlich. Hoffentlich haben die nicht beim Weitsprung gemogelt, wie in dem einen Jahr, in dem die Achtklässler ein gefälschtes Maßband dabei hatten. Als das rauskam, mussten alle nochmal springen, so dass das Sportfest bis Nachmittags um drei gedauert hat. Die Mädchen bekommen keine Urkunde, die hatten ihre Tage. Alle vierzehn. Am selben Tag. Pünktlich zu den Jugendspielen, wo sie dann im Schatten saßen, Cola tranken und den Jungs beim Wettrennen zusahen.

Janis Cszizgroczch schaut mich traurig an. Ja, schon wieder ein offizieller Zettel, auf dem sein Name falsch gedruckt ist. Armer Janis. Mittlerweile sollte der Familienname aber in so ziemlich jeder Software des Schulhauses korrekt erfasst sein. Also fast – das Spezialprogramm für die Bundesjugendspiele haben wir offensichtlich vergessen.

Bevor die Zeugnisse verteilt werden, gehen wir jetzt aber erstmal in die Kirche. Ausser denen, die nicht wollen, die gehen in den Computerraum und facebooken sich gegenseitig Katzenbilder und Sticheleien zu.

Die demokratisch korrekte Bestimmung der Abschlussfahrts-Destination

Toskana also – des Lichts wegen. Bis ich da hin komme, muss ich wohl noch etwas Vorarbeit leisten. Nach dem Enthusiasmus der Klasse zu urteilen, will die Kundschaft wohl eigentlich besonders gern in eine ausländische Großstadt, um dort das Nachtleben zu geniessen, in Großdiscos das Taschengeld für Neonzeugs ausgeben und anschliessend in exotisch klingende Flüsse kotzen. Ene Mehrheit für die beschauliche Toskana ist erstmal nirgends zu finden.

Das wird den Einsatz von manipulativer Demokratievortäuschung erforderlich machen – einer bewährten Waffe im Arsenal der Pädagogen, die aber nur selten aus der Trickkiste geholt werden darf.

Phase 1: Die Vorbereitung

„Na, dann schreiben wir mal Eure Wünsche auf, und stimmen dann anonym ab.“ Von jetzt an muss – das erfordert der Plan – massiv auf das Disziplinpedal gedrückt werden. „Und Ihr seid still, sonst schreiben wir hier im Klassenzimmer noch ein Diktat bis zum Stundenende.“ Brav nennen die Schüler ihre Wünsche, und ich schreibe. „Rom“. „Paris“. „Kroatien.“ „Amsterdam.“ „Madrid.“ „Mallorca.“

Für den Anfang ist das schonmal ganz gut. Ich moderiere ein bisschen drauflos: „Ihr wolltet doch noch Toskana, das schreibe ich auch mal dazu.“ Sechs Schüler nicken. Sechs von 26. Das ist noch keine überwältigende Mehrheit. Na, mal noch mehr Wünsche sammeln. „London.“ „Wien.“ „Berlin.“

Phase 2: Die Verwirrung und Spaltung

Gut, die Großstadt-Fraktion ist ganz ohne meine Hilfe in mehrere Grüppchen aufgeteilt. Innerlich reibe ich mir die Hände, und äußerlich übe ich Ablenkung und Verwirrung. Ein Zauberer würde hier große Gesten machen, ein aufregendes Gesicht oder eben seine attraktive Assistentin durch’s Bild tänzeln lassen. Einen bunten Frack mit Zauberhut habe ich nicht an, unsere Sekretärin sieht zu businesswomanmässig aus für Ablenkungsmanöver, Blumen und gezinkte Karten habe ich auch keine in der Schultasche. Es bleibt also wieder mal die einzige Ablenkung, die Lehrer jederzeit draufhaben: Gnadenloses Lossülzen. Ohne Punkt und Komma rede ich über bisherige Klassenfahrten, Alkohol- und Rauchverbot und Ausgehzeiten, während ich den Wahlausgang schonmal errate. Ich versuche, eine erste Hochrechnung aufzustellen, da können sich die gesamten ifo-Institute eine Scheibe von abschneiden…

Kroatien könnte gefährlich werden: Die Mischung aus Alkohol, Strand und dem wichtigen Faktor, dass ein paar Schüler schonmal mit ihren Eltern da waren und sich deswegen dort auch noch perfekt auskennen, könnte zu einer unguten Gruppendynamik führen. Schnell mal dagegenarbeiten. Wer wollte eigentlich besonders gern nach Kroatien? Ah ja, Stribor. „Kann irgendjemand hier Kroatisch? Ja, okay, Stribor. Und sonst? Könnte schwierig werden mit der Verständigung.“ Könnte es überhaupt nicht, weil die Kids doch sowieso nur in irgendwelchen Strandpinten Bier und aufblasbare Krokodile kaufen wollen – das Argument überzeugt aber trotzdem ein paar Schüler. Diskussionen werden wieder unterbunden – das schon erwähnte Disziplinpedal. Nicht, dass sich die Schüler noch absprechen oder so.

Kroatien scheidet aus, Mallorca muss noch weg. „Mallorca fahre ich nicht mit Euch hin, da stimmt der Elternbeirat im Leben nicht zu.“ Dem Elternbeirat ist so ziemlich alles egal, seit um Ostern herum der Versuch mit dem „kerngesunden Pausenverkauf“ in einer jetzt schon legendären Essensschlacht mit matschigem Obst endete. Aber das muss ich den Neuntklässlern nicht direkt auf die Nase binden.

Nächstes Kleinziel: Rom möglichst schlecht aussehen lassen. Rom, die ewige Stadt. Rom, wo es warm ist, und wo schon seit Jahren begeisterte Schulkassen hinfahren. Rom in ungünstiges Licht zu rücken ist aber ganz einfach: „Wenn wir nach Rom fahren, dann nehmen wir natürlich Eure Religionslehrerin mit. Die kennt sich mit den Kirchen da aus wie sonst keiner – ich bin mir sicher, da können wir alle viel lernen.“ Von wegen viel lernen: Die Kollegin hat auf Schülerfahrten überhaupt keine Lust und wird einen Teufel tun und mitfahren. Aber egal, die Drohung mit den Kirchenbesuchen hat gesessen.

Ich lasse Rom trotzdem mal an der Tafel stehen – immerhin kann mir die ewige Stadt so noch die City-Besuchsfraktion spalten helfen.

Phase 3: Die Abstimmung

Die Schüler stimmen in geheimer Wahl ab, und Jacqueline und ihr Stellvertreter schreiben die Ergebnisse an die Tafel:

Rom 5
Amsterdam 3 (Erstaunlich, ich hätte mit höchstens zwei Kiffern gerechnet. Sollte wirklich jemand an Tulpen, Kanälen und Anne Frank interessiert sein?)
London 4
Wien 2
Berlin 1
Toskana 10
Ungültig 1 („Saufen“ stand nicht zur Wahl.)

Die Stunde ist beendet (plimplamploing, packt Eure Sachen, schönen Nachmittag, setzt Eure Sonnenbrillen ab, wenn Ihr ins Wasser geht). Toskana steht.

Kurz vor Schuljahresende

Vertretungsstunde in der 9f. Die Stunde zieht sich wie Kaugummi, die Schüler sind ausgelutscht und ferienreif, und dann sind auch noch alle Fernseher im Schulhaus ausgeliehen. Die fahrbaren Beamer auch, war ja klar. Dann wird’s nichts mit DVD gucken, Unterricht scheidet auch aus, so kurz vor den Ferien. Die Schulbücher sind schon seit letztem Donnerstag zusammen mit der Motivation abgegeben, eingesammelt und in die Regale gepackt.

Eine schöne Alternative wäre noch Rausgehen, aber da ist’s brutal heiß. Außerdem war ich die letzten drei Stunden schon am Sportplatz, einem Tennisturnier mit Teams aus ein paar Gymnasien und unserer Realschule zusehen. Unsere Realschüler haben gewonnen – nicht zuletzt deswegen wohl, weil die Fanhorden, die wir zum Tennisplatz geschleppt haben, beeindruckend laut waren. Fangesänge und Cheerleading beim edlen weißen Sport fanden die Gymnasiasten außerordentlich irritierend, so dass sie deutlich schlechter trafen.
Die gute Laune unserer Fans, so stellte sich mit etwas Nachforschung heraus, kam daher, dass der Pächter der Vereinsgaststätte Nachbar eines Schülers war. Unverantwortlicherweise hat er wohl einem Teil der älter aussehenden Zehntklässler, die sich dazu in eine schlecht einsehbare Ecke verkrochen hatten, eine Runde Helles ausgegeben, und so die Stimmung ziemlich schnell ins Unendliche gesteigert.

Die neunte Klasse also.
„Wir könnten doch über unsere Klassenfahrt reden.“
„Was heißt hier ‚unsere‘ Klassenfahrt?“
„Na, Sie haben doch gesagt, dass Sie unser Klassleiter werden nächstes Schuljahr.“
Aus der Nummer komme ich jetzt so schnell nicht mehr raus. „Ja, und da machen wir doch zusammen Abschlussfahrt. Am Schuljahresanfang.“
„Wo soll’s denn hingehen?“ Meine unvorsichtige Frage führt zu einem wilden Durcheinander: „Mailand!“ „Prag!“ „Gardasee!“ „Kroatien!“ „Toskana!“ „Egal, Hauptsache Saufen!“ „Amsterdam!“ „Paris!“ „Party machen und Shoppen!“ „Au ja, Saufen!“ „Ich will an den Strand!“ „Bulgarien ist krass!“ „Ballermann!“
Bulgarien finde ich auch krass, und wenn schon Klassenfahrt, dann was Kulturelles. Also, trockene Kultur. Für die Schüler trocken, für die Lehrer entspannend. Zum Beispiel Toskana fände ich sehr schön – in einem Kulturkanal hab ich eine Reportage gesehen, wo glückliche Mittdreißiger in der warmen Sonne sitzen, einen schicken Hut auf dem Kopf und ein gepflegtes Glas Rotwein in der Hand. Genau da sehe ich mich schon, umringt von wissbegierigen Schülern, denen ich irgendwelche halbgaren Weisheiten über das Licht und die Farbwelt der Toskana in die Großhirnrinden diktiere. Vielleicht wäre es doch ganz nett, die Klasse als Klassleiter zu haben?

Einleitung

Nach einiger Zeit als Klarnamen-Lehrerblogger habe ich den Sprung in die Anonymität gewagt. Gewagt, damit ich über alles schreiben kann, was ich will, ohne dass sich Kollegen, Eltern oder Schüler angegriffen oder bloßgestellt fühlen.

Alle verwendeten Namen sind deswegen ebenfalls anonymisiert.

Was sein muss

„Sie müssen das einfach machen, sonst will uns doch keiner!“ „Ja, bitte!“
„Da kann ich wenig dran ändern, das kommt, wie es kommt“. Nach sechs Jahren als Realschullehrer bin ich ein passabler Lügner geworden, denke ich. Meine Mimik habe ich unter Kontrolle, meine Gestik ist perfekt, und rot werde ich schon lange nicht mehr. „Die Einteilung macht immer die Frau Töner.“ Wenigstens das stimmt – Frau Töner ist hier Konrektorin und macht leidenschaftlich gern Pläne.

Natürlich können sich Lehrer Klassen wünschen, aber das muss ich den Kids ja nicht auf die Nase binden. Auch nicht, dass es für die Wünsche ein besonders liebevoll gestaltetes Formblatt in Comic Sans gibt. Und überhaupt habe ich ein perfektes Pokerface. Fast so wie die Konrektorin, wenn sie zum Schuljahresanfang den Kollegen die Klassen zuteilt: „Und Sie nehmen die 8c. Schwierige Klasse? Nein, davon wüsste ich nichts.“

Die Sechzehnjährigen vor mir sehen das anders. Sie misstrauen meinem perfekten Falschspielergesichtsausdruck: „Da geht sicher was, fragen’s doch nochmal bei der Töner nach.“

Ich verkrieche mich in den Lehrerarbeitsraum und starre die Wand an. Zum Fenster rausstarren ist keine echte Alternative. Der Blick auf den Pausenhof, die Tischtennisplatten, die rennenden, prügelnden, balzenden Schüler, die sich vor der Pausenaufsicht verstecken – das alles riecht nach Arbeit. Hinter der Thujenhecke, die eigentlich den Rand des Pausenbereichs markiert, steigen Rauchwolken auf. Noch mehr Arbeit. Schnell wieder die Wand ansehen. Ein vergilbter Zeitungsausschnitt von der Einweihung des Nasszellentrakts 2003, mit einem Stadtrat als Vertreter des Sachaufwandträgers, der Blockflötengruppe und dem zuständigen Ministerialbeauftragten des Kultusministeriums fällt mir ins Auge. Ah, schon besser.

Sie haben schon recht, die Schüler: Nächstes Schuljahr könnte ich ihre Klasse, die 10f, übernehmen. Als Klassenleiter und als Englischlehrer, damit als Oberzuständiger für so ziemlich alles, was an Verwaltungskram, Aktenaufbewahrung, Motivation und Pädagogik so anfällt.

Ihre bisherige Klassenleiterin ist versetzt worden, endlich in die Provinz, zu ihrer Familie, und zu richtig braven Musterschülern. Ihre Schüler lässt sie hier, mit einem lachenden Auge. Und noch einem lachenden Auge. Denn richtig brave Musterschüler sind sie nicht. Ihre Klasse ist eher eine von denen, bei denen Konferenzen etwas länger dauern, weil jeder Lehrer etwas Interessantes zur Diskussion beizutragen hat.
Und jetzt wo die Kollegin dann eben wegversetzt wird, ist der Posten als Klassenleiter frei, und die Schüler nehmen die Sache selbst in die Hand, und fragen mich, ob ich sie nicht will. Ein bisschen fühlt es sich an wie ein Heiratsantrag. Wie ein Heiratsantrag im Mafiafilm, wo dem zukünftigen Bräutigam ein Angebot gemacht wird, das er nicht ablehnen kann. Mit diesem Haufen wird es auf jeden Fall aufregend werden.

Aber will ich überhaupt Aufregung? Eine freundliche fünfte Klasse wäre etwas Nettes. Die zehn- oder elfjährigen Realschulanfänger an der neuen Schule begrüssen, Kennenlernspiele spielen, und überhaupt als Klassleiter der Hauptansprechpartner für frische Schüler und Eltern sein. Es würde sicher Spaß machen, einen Geburtstagskalender aufzuhängen, vielleicht auch Geburtstagsgeschenkewichteln zu organisieren, oder ein paar Klassenregeln auf ein grünes A2-Poster zu schreiben. Alle Kinder unterschreiben, dann bringen an einem Herbstnachmittag die Schüler ihre Haustiere mit, und die Sache ist geritzt. Im Frühling dann eine klassengemeinschaftsfördernde Klassenfahrt, vielleicht noch Mitmachen bei einem Malwettbewerb für oder gegen irgendwas Ökologisches. Ich könnte ein Fleißstempel-System einführen, und der mit den meisten Stempeln wäre dann der Klassenkönig oder so etwas.

Die Wand starrt nikotinvergilbt zurück. Vor ein paar Jahren wurde an Schulen das Rauchen verboten, aber rein geruchsmäßig macht das im Lehrerarbeitsraum 2 noch keinen Unterschied. Einmal Raucherzimmer, immer Raucherzimmer, so ist das wohl. Der Dunst hängt an den Landkarten, die hier gelagert werden, an den Zeitungsausschnitten und am Kühlschrank, der in der Fensterecke vor sich hin röchelt.

Keine Ahnung, was ich den Schülern jetzt sagen soll. „Entschuldigt bitte, aber ich habe gehört, Ihr seid ein furchtbarer Haufen stinkfauler Halbwüchsiger ohne Manieren, und deswegen habe ich keine Lust auf Euch,“ klingt etwas hart. „Die Schulleitung hat gesagt es geht nicht,“ ist eine zu dreiste Lüge. „Ich will mich vor dem ganzen Papierkram drücken,“ ist zwar ehrlich, aber meinem eigenen Ruf an der Schule auch nicht unbedingt dienlich.

Es gongt. Ziemlich ratlos mache ich die Tür vom Lehrerarbeitsraum 2 auf. „Und? Haben Sie sich’s überlegt?“ Jacqueline, die Klassensprecherin der 9f, steht vor mir. Offensichtlich haben die zukünftigen Zehntklässler jetzt die Taktik gewechselt und setzen jetzt auf Klasse statt Masse. Jacqueline lächelt Handykamera-Selbstportrait-erptobt. „Woah, ja. Ähm…“ Stammle ich herum. Überlegt habe ich mir eigentlich gar nichts.

„Uhiii super, danke! Hey kommt mal!“ Der Rest der Klasse hat im Treppenaufgang gewartet. Das hätte ich mir auch denken können. Na egal. „Er macht’s. Er wird unser Klassenleiter.“ „Ähm, eigentlich…“ Zu spät. Ganz eigentlich freut es mich ja auch, dass die Schüler mich wollen würden.

Es gongt nochmal. Eine Lehrerkonferenz hat vor fünfzehn Jahren mal beschlossen, dass es zum Pausenende dreimal gongen soll. Einmal fünf Minuten vorher, dann zwei Minuten vor dem Pausenende und dann nochmal zum Unterrichtsanfang. Das eigentliche Ziel, dass die Kinder pünktlich zum Unterricht im Klassenzimmer auftauchen, wurde nicht erreicht. Aber schön laut ist es jetzt, und wir hören ausreichend oft den supertollen Akkord: Plimm-Plamm-Poing!