„Sie müssen das einfach machen, sonst will uns doch keiner!“ „Ja, bitte!“
„Da kann ich wenig dran ändern, das kommt, wie es kommt“. Nach sechs Jahren als Realschullehrer bin ich ein passabler Lügner geworden, denke ich. Meine Mimik habe ich unter Kontrolle, meine Gestik ist perfekt, und rot werde ich schon lange nicht mehr. „Die Einteilung macht immer die Frau Töner.“ Wenigstens das stimmt – Frau Töner ist hier Konrektorin und macht leidenschaftlich gern Pläne.

Natürlich können sich Lehrer Klassen wünschen, aber das muss ich den Kids ja nicht auf die Nase binden. Auch nicht, dass es für die Wünsche ein besonders liebevoll gestaltetes Formblatt in Comic Sans gibt. Und überhaupt habe ich ein perfektes Pokerface. Fast so wie die Konrektorin, wenn sie zum Schuljahresanfang den Kollegen die Klassen zuteilt: „Und Sie nehmen die 8c. Schwierige Klasse? Nein, davon wüsste ich nichts.“

Die Sechzehnjährigen vor mir sehen das anders. Sie misstrauen meinem perfekten Falschspielergesichtsausdruck: „Da geht sicher was, fragen’s doch nochmal bei der Töner nach.“

Ich verkrieche mich in den Lehrerarbeitsraum und starre die Wand an. Zum Fenster rausstarren ist keine echte Alternative. Der Blick auf den Pausenhof, die Tischtennisplatten, die rennenden, prügelnden, balzenden Schüler, die sich vor der Pausenaufsicht verstecken – das alles riecht nach Arbeit. Hinter der Thujenhecke, die eigentlich den Rand des Pausenbereichs markiert, steigen Rauchwolken auf. Noch mehr Arbeit. Schnell wieder die Wand ansehen. Ein vergilbter Zeitungsausschnitt von der Einweihung des Nasszellentrakts 2003, mit einem Stadtrat als Vertreter des Sachaufwandträgers, der Blockflötengruppe und dem zuständigen Ministerialbeauftragten des Kultusministeriums fällt mir ins Auge. Ah, schon besser.

Sie haben schon recht, die Schüler: Nächstes Schuljahr könnte ich ihre Klasse, die 10f, übernehmen. Als Klassenleiter und als Englischlehrer, damit als Oberzuständiger für so ziemlich alles, was an Verwaltungskram, Aktenaufbewahrung, Motivation und Pädagogik so anfällt.

Ihre bisherige Klassenleiterin ist versetzt worden, endlich in die Provinz, zu ihrer Familie, und zu richtig braven Musterschülern. Ihre Schüler lässt sie hier, mit einem lachenden Auge. Und noch einem lachenden Auge. Denn richtig brave Musterschüler sind sie nicht. Ihre Klasse ist eher eine von denen, bei denen Konferenzen etwas länger dauern, weil jeder Lehrer etwas Interessantes zur Diskussion beizutragen hat.
Und jetzt wo die Kollegin dann eben wegversetzt wird, ist der Posten als Klassenleiter frei, und die Schüler nehmen die Sache selbst in die Hand, und fragen mich, ob ich sie nicht will. Ein bisschen fühlt es sich an wie ein Heiratsantrag. Wie ein Heiratsantrag im Mafiafilm, wo dem zukünftigen Bräutigam ein Angebot gemacht wird, das er nicht ablehnen kann. Mit diesem Haufen wird es auf jeden Fall aufregend werden.

Aber will ich überhaupt Aufregung? Eine freundliche fünfte Klasse wäre etwas Nettes. Die zehn- oder elfjährigen Realschulanfänger an der neuen Schule begrüssen, Kennenlernspiele spielen, und überhaupt als Klassleiter der Hauptansprechpartner für frische Schüler und Eltern sein. Es würde sicher Spaß machen, einen Geburtstagskalender aufzuhängen, vielleicht auch Geburtstagsgeschenkewichteln zu organisieren, oder ein paar Klassenregeln auf ein grünes A2-Poster zu schreiben. Alle Kinder unterschreiben, dann bringen an einem Herbstnachmittag die Schüler ihre Haustiere mit, und die Sache ist geritzt. Im Frühling dann eine klassengemeinschaftsfördernde Klassenfahrt, vielleicht noch Mitmachen bei einem Malwettbewerb für oder gegen irgendwas Ökologisches. Ich könnte ein Fleißstempel-System einführen, und der mit den meisten Stempeln wäre dann der Klassenkönig oder so etwas.

Die Wand starrt nikotinvergilbt zurück. Vor ein paar Jahren wurde an Schulen das Rauchen verboten, aber rein geruchsmäßig macht das im Lehrerarbeitsraum 2 noch keinen Unterschied. Einmal Raucherzimmer, immer Raucherzimmer, so ist das wohl. Der Dunst hängt an den Landkarten, die hier gelagert werden, an den Zeitungsausschnitten und am Kühlschrank, der in der Fensterecke vor sich hin röchelt.

Keine Ahnung, was ich den Schülern jetzt sagen soll. „Entschuldigt bitte, aber ich habe gehört, Ihr seid ein furchtbarer Haufen stinkfauler Halbwüchsiger ohne Manieren, und deswegen habe ich keine Lust auf Euch,“ klingt etwas hart. „Die Schulleitung hat gesagt es geht nicht,“ ist eine zu dreiste Lüge. „Ich will mich vor dem ganzen Papierkram drücken,“ ist zwar ehrlich, aber meinem eigenen Ruf an der Schule auch nicht unbedingt dienlich.

Es gongt. Ziemlich ratlos mache ich die Tür vom Lehrerarbeitsraum 2 auf. „Und? Haben Sie sich’s überlegt?“ Jacqueline, die Klassensprecherin der 9f, steht vor mir. Offensichtlich haben die zukünftigen Zehntklässler jetzt die Taktik gewechselt und setzen jetzt auf Klasse statt Masse. Jacqueline lächelt Handykamera-Selbstportrait-erptobt. „Woah, ja. Ähm…“ Stammle ich herum. Überlegt habe ich mir eigentlich gar nichts.

„Uhiii super, danke! Hey kommt mal!“ Der Rest der Klasse hat im Treppenaufgang gewartet. Das hätte ich mir auch denken können. Na egal. „Er macht’s. Er wird unser Klassenleiter.“ „Ähm, eigentlich…“ Zu spät. Ganz eigentlich freut es mich ja auch, dass die Schüler mich wollen würden.

Es gongt nochmal. Eine Lehrerkonferenz hat vor fünfzehn Jahren mal beschlossen, dass es zum Pausenende dreimal gongen soll. Einmal fünf Minuten vorher, dann zwei Minuten vor dem Pausenende und dann nochmal zum Unterrichtsanfang. Das eigentliche Ziel, dass die Kinder pünktlich zum Unterricht im Klassenzimmer auftauchen, wurde nicht erreicht. Aber schön laut ist es jetzt, und wir hören ausreichend oft den supertollen Akkord: Plimm-Plamm-Poing!