Toskana also – des Lichts wegen. Bis ich da hin komme, muss ich wohl noch etwas Vorarbeit leisten. Nach dem Enthusiasmus der Klasse zu urteilen, will die Kundschaft wohl eigentlich besonders gern in eine ausländische Großstadt, um dort das Nachtleben zu geniessen, in Großdiscos das Taschengeld für Neonzeugs ausgeben und anschliessend in exotisch klingende Flüsse kotzen. Ene Mehrheit für die beschauliche Toskana ist erstmal nirgends zu finden.

Das wird den Einsatz von manipulativer Demokratievortäuschung erforderlich machen – einer bewährten Waffe im Arsenal der Pädagogen, die aber nur selten aus der Trickkiste geholt werden darf.

Phase 1: Die Vorbereitung

„Na, dann schreiben wir mal Eure Wünsche auf, und stimmen dann anonym ab.“ Von jetzt an muss – das erfordert der Plan – massiv auf das Disziplinpedal gedrückt werden. „Und Ihr seid still, sonst schreiben wir hier im Klassenzimmer noch ein Diktat bis zum Stundenende.“ Brav nennen die Schüler ihre Wünsche, und ich schreibe. „Rom“. „Paris“. „Kroatien.“ „Amsterdam.“ „Madrid.“ „Mallorca.“

Für den Anfang ist das schonmal ganz gut. Ich moderiere ein bisschen drauflos: „Ihr wolltet doch noch Toskana, das schreibe ich auch mal dazu.“ Sechs Schüler nicken. Sechs von 26. Das ist noch keine überwältigende Mehrheit. Na, mal noch mehr Wünsche sammeln. „London.“ „Wien.“ „Berlin.“

Phase 2: Die Verwirrung und Spaltung

Gut, die Großstadt-Fraktion ist ganz ohne meine Hilfe in mehrere Grüppchen aufgeteilt. Innerlich reibe ich mir die Hände, und äußerlich übe ich Ablenkung und Verwirrung. Ein Zauberer würde hier große Gesten machen, ein aufregendes Gesicht oder eben seine attraktive Assistentin durch’s Bild tänzeln lassen. Einen bunten Frack mit Zauberhut habe ich nicht an, unsere Sekretärin sieht zu businesswomanmässig aus für Ablenkungsmanöver, Blumen und gezinkte Karten habe ich auch keine in der Schultasche. Es bleibt also wieder mal die einzige Ablenkung, die Lehrer jederzeit draufhaben: Gnadenloses Lossülzen. Ohne Punkt und Komma rede ich über bisherige Klassenfahrten, Alkohol- und Rauchverbot und Ausgehzeiten, während ich den Wahlausgang schonmal errate. Ich versuche, eine erste Hochrechnung aufzustellen, da können sich die gesamten ifo-Institute eine Scheibe von abschneiden…

Kroatien könnte gefährlich werden: Die Mischung aus Alkohol, Strand und dem wichtigen Faktor, dass ein paar Schüler schonmal mit ihren Eltern da waren und sich deswegen dort auch noch perfekt auskennen, könnte zu einer unguten Gruppendynamik führen. Schnell mal dagegenarbeiten. Wer wollte eigentlich besonders gern nach Kroatien? Ah ja, Stribor. „Kann irgendjemand hier Kroatisch? Ja, okay, Stribor. Und sonst? Könnte schwierig werden mit der Verständigung.“ Könnte es überhaupt nicht, weil die Kids doch sowieso nur in irgendwelchen Strandpinten Bier und aufblasbare Krokodile kaufen wollen – das Argument überzeugt aber trotzdem ein paar Schüler. Diskussionen werden wieder unterbunden – das schon erwähnte Disziplinpedal. Nicht, dass sich die Schüler noch absprechen oder so.

Kroatien scheidet aus, Mallorca muss noch weg. „Mallorca fahre ich nicht mit Euch hin, da stimmt der Elternbeirat im Leben nicht zu.“ Dem Elternbeirat ist so ziemlich alles egal, seit um Ostern herum der Versuch mit dem „kerngesunden Pausenverkauf“ in einer jetzt schon legendären Essensschlacht mit matschigem Obst endete. Aber das muss ich den Neuntklässlern nicht direkt auf die Nase binden.

Nächstes Kleinziel: Rom möglichst schlecht aussehen lassen. Rom, die ewige Stadt. Rom, wo es warm ist, und wo schon seit Jahren begeisterte Schulkassen hinfahren. Rom in ungünstiges Licht zu rücken ist aber ganz einfach: „Wenn wir nach Rom fahren, dann nehmen wir natürlich Eure Religionslehrerin mit. Die kennt sich mit den Kirchen da aus wie sonst keiner – ich bin mir sicher, da können wir alle viel lernen.“ Von wegen viel lernen: Die Kollegin hat auf Schülerfahrten überhaupt keine Lust und wird einen Teufel tun und mitfahren. Aber egal, die Drohung mit den Kirchenbesuchen hat gesessen.

Ich lasse Rom trotzdem mal an der Tafel stehen – immerhin kann mir die ewige Stadt so noch die City-Besuchsfraktion spalten helfen.

Phase 3: Die Abstimmung

Die Schüler stimmen in geheimer Wahl ab, und Jacqueline und ihr Stellvertreter schreiben die Ergebnisse an die Tafel:

Rom 5
Amsterdam 3 (Erstaunlich, ich hätte mit höchstens zwei Kiffern gerechnet. Sollte wirklich jemand an Tulpen, Kanälen und Anne Frank interessiert sein?)
London 4
Wien 2
Berlin 1
Toskana 10
Ungültig 1 („Saufen“ stand nicht zur Wahl.)

Die Stunde ist beendet (plimplamploing, packt Eure Sachen, schönen Nachmittag, setzt Eure Sonnenbrillen ab, wenn Ihr ins Wasser geht). Toskana steht.