Endzeitstimmung: Wie jedes Schuljahr bekommen auch dieses Jahr zum Jahresende die Kids Zeugnisse. Was sich so banal nach Naturgesetz anhört, nach Regelmäßigkeit und Berechenbarkeit, ist für die Schüler ein echter Grund für Angst: Hab ich bei 4,52 in Mathematik eine Vier bekommen, habe ich in Bio wirklich alle Noten in meine total akkuraten Notenlisten im Hausaufgabenheft eingetragen und bin ich bitte nicht der Einzige aus der Klasse mit einer Vier in Sport?

Vor den Zeugnissen verteile ich an meine sechste Klasse – ja, ich bin dieses Jahr (also eigentlich nur noch heute, am besten Tag des Jahres) für knappe dreißig Sechstklässler zuständig – erstmal Elterninfobriefe, die versuchen, die Zeugnisse kleinzureden. „Alles nicht so schlimm.“, „Es gibt wichtigere Dinge im Leben als die Schulnoten.“, „Bei Fragen zum Zeugnis kontaktieren Sie Ihren Klassenleiter, Beratungslehrer oder Direktor.“ Die Fragen sollten aber besser bis 12.15h auftauchen, danach sitzen wir beim traditionellen Schuljahresendgrillen im Schulhof, da geht eher keiner mehr ans Telefon.

In meiner Klasse sitzt Manuel. Manuel ist mit seinen vierzehn Jahren der Klassen-Senior, und seine Eltern haben eine Bäckerei. Diese Bäckerei wird Manuel mal übernehmen, und damit eine uralte Familientradition weiterführen: „Brunnerbäcker – der Traditionsfamilienbäcker seit 1823“. Uralt und rustikal sind neben den knochenharten Geheimrezept-Backwaren (legendär: das „Mischbrot traditionell“) auch die Erziehungsmethoden im Hause Traditionsbäckerbrunner. Deswegen gibt es für den faulen Bäckersbuben einen pädagogischen Weichspül-Beipackzettel: Brunner junior soll die möglicherweise drohendeTraditionswatschn für seinen Deutsch-Fünfer erspart werden. Es müsste eigentlich klappen: Das Schreiben hat sehr viele Stempel und Siegel, Wappen und Unterschriften drauf, so dass an die Obrigkeitshörigkeit der Traditionsbackeltern appelliert wird. „hat ansonsten herausragende Leistungen und Lernwillen gezeigt…“ Ich drücke ihm die Daumen.

Dann gibt es die Siegerurkunden für die Bundesjugendspiele. Die schnelleren oder weiter werfenden oder so bekommen Ehrenurkunden, die dann der Bundespräsident unterzeichnet hat – beim spontanem Präsidentenrücktritt mussten damals alle Urkunden neu gedruckt werden, das war ein Spaß. Tatsächlich bekommen die meisten Jungs Siegerurkunden. Erstaunlich. Hoffentlich haben die nicht beim Weitsprung gemogelt, wie in dem einen Jahr, in dem die Achtklässler ein gefälschtes Maßband dabei hatten. Als das rauskam, mussten alle nochmal springen, so dass das Sportfest bis Nachmittags um drei gedauert hat. Die Mädchen bekommen keine Urkunde, die hatten ihre Tage. Alle vierzehn. Am selben Tag. Pünktlich zu den Jugendspielen, wo sie dann im Schatten saßen, Cola tranken und den Jungs beim Wettrennen zusahen.

Janis Cszizgroczch schaut mich traurig an. Ja, schon wieder ein offizieller Zettel, auf dem sein Name falsch gedruckt ist. Armer Janis. Mittlerweile sollte der Familienname aber in so ziemlich jeder Software des Schulhauses korrekt erfasst sein. Also fast – das Spezialprogramm für die Bundesjugendspiele haben wir offensichtlich vergessen.

Bevor die Zeugnisse verteilt werden, gehen wir jetzt aber erstmal in die Kirche. Ausser denen, die nicht wollen, die gehen in den Computerraum und facebooken sich gegenseitig Katzenbilder und Sticheleien zu.