Dann gibt es Zeugnisse. Mit großem Hallo vergleichen die Kinder erst ihre zweiten Vornamen und dann ihre Wortgutachten und stellen interessierte Rückfragen: „Ist ‚musikalisch im Wesentlichen talentfrei‘ jetzt gut für wenn ich zu RTL Superstars möchte?“ (Nein, ganz sicher nicht. Die Musiklehrerin lässt die kleine Connie nicht mehr mitsingen, weil sie immer alle anderen rausbringt.) „Wieso haben Sie da ‚ruhiger Schüler‘ hingeschrieben?“ (Weil mein erster Vorschag ‚fauler Lump‘ der Schulleitung zu undiplomatisch war) „Wieso steht bei mir meist lobenswertes Verhalten und bei Tom vorbildlich?“ (Weil der Kollege Spezinger dich hinter der Turnhalle beim Andiewandpinkeln erwischt hat) „Wieso hab ich nur eine drei in Sport?“ (Du hattest deinen Turnbeutel nur dabei, wenn du hundertprozentig sicher warst, dass ausschliesslich Fussball gespielt werden würde) „Was meinen Sie mit ‚beteiligte sich in seinen Neigungsfächern gern am Unterricht‘?“ (Du hast in Geschichte mitgemacht, weil du insgeheim in die Lehrerin verschossen bist, sonst in keinem Fach).

Die unfaire Sozialneid-Ferienzielvergleichsrunde schenke ich mir – schon allein, weil ich selbst noch keine tollen Pläne für die Ferien habe. Also, ausser morgen früh gleich wieder in die Schule gehen, um den ganzen Papierkram zu machen – Zeugniskopien abheften, das Klassentagebuch auswerten, die Schülerakten durchsehen und lauter so erquickliche… Es klopft.

„Ja, was gibt’s?“ Eine Abordnung von Neuntklässlern steht vor der Tür. „Wegen unserer Toskanafahrt, da gibt’s ein tolles Angebot im Reisebüro, wollen Sie da vielleicht buchen?“ – „Dann könnten wir im September gleich losfahren.“ Ins Reisebüro will ich gerade nicht, und eigentlich machen wir Abschlussfahrten am Ende des Schuljahres. Die Schüler sehen mich hoffnungsvoll an. Ich muss Zeit gewinnen. „Fragt mich heute Mittag nochmal, um eins vorm Lehrerzimmer.“ Die Schüler gehen.

An die Sechstklässler vor mir verteile ich jetzt der Reihe nach einen gemischten Stapel zukünftiges Altpapier: Den letzten Elternbrief des Jahres vom Elternbeirat, eine Einladung zu einem Schnupperwochenende beim örtlichen Tennisclub, das Ferienprogramm der Stadtverwaltung, und weil ich gerade in Schwung bin noch einen Klassensatz Berufsinformationshefte für Schulabgänger, die ich in der Pultschublade gefunden habe.

Plim-Plam-Ploing. In den Klassenzimmern rundherum steigert sich der Lärm zum Schuljahresend-Jubel. Ah, dann ist jetzt wohl Schluss. „Schöne Ferien, und wachst ein bisschen!“ „Uhuärgahuuu Feeeeeriiiiieeeeeeeeen!“

Durch das Klassenzimmerfenster sehe ich, wie die Kids schnell aus der Schule rennen – die Kleineren laufen zu den silbern glänzenden SUVs ihrer Eltern, die die Straße bis hoch zur nächsten Kreuzung verstopfen, die Größeren zum Mofaparkplatz, um sich ein letztes Mal dieses Schuljahr auf ihren Chinakrachern in Pose zu setzen, die Helme in der Hand, die Zweitakter unter ihnen und sechs Wochen Freiheit vor ihnen.

„Hängst Du immer noch hier rum? Beeil Dich, es ist Konferenz, der Chef ist auch schon da.“ Die Hauswirtschaftskollegin schaut mich gehetzt an, schüttelt den Kopf und joggt zum Lehrerzimmer. Ich trotte hinterher.