Vertretungsstunde in der 9f. Die Stunde zieht sich wie Kaugummi, die Schüler sind ausgelutscht und ferienreif, und dann sind auch noch alle Fernseher im Schulhaus ausgeliehen. Die fahrbaren Beamer auch, war ja klar. Dann wird’s nichts mit DVD gucken, Unterricht scheidet auch aus, so kurz vor den Ferien. Die Schulbücher sind schon seit letztem Donnerstag zusammen mit der Motivation abgegeben, eingesammelt und in die Regale gepackt.

Eine schöne Alternative wäre noch Rausgehen, aber da ist’s brutal heiß. Außerdem war ich die letzten drei Stunden schon am Sportplatz, einem Tennisturnier mit Teams aus ein paar Gymnasien und unserer Realschule zusehen. Unsere Realschüler haben gewonnen – nicht zuletzt deswegen wohl, weil die Fanhorden, die wir zum Tennisplatz geschleppt haben, beeindruckend laut waren. Fangesänge und Cheerleading beim edlen weißen Sport fanden die Gymnasiasten außerordentlich irritierend, so dass sie deutlich schlechter trafen.
Die gute Laune unserer Fans, so stellte sich mit etwas Nachforschung heraus, kam daher, dass der Pächter der Vereinsgaststätte Nachbar eines Schülers war. Unverantwortlicherweise hat er wohl einem Teil der älter aussehenden Zehntklässler, die sich dazu in eine schlecht einsehbare Ecke verkrochen hatten, eine Runde Helles ausgegeben, und so die Stimmung ziemlich schnell ins Unendliche gesteigert.

Die neunte Klasse also.
„Wir könnten doch über unsere Klassenfahrt reden.“
„Was heißt hier ‚unsere‘ Klassenfahrt?“
„Na, Sie haben doch gesagt, dass Sie unser Klassleiter werden nächstes Schuljahr.“
Aus der Nummer komme ich jetzt so schnell nicht mehr raus. „Ja, und da machen wir doch zusammen Abschlussfahrt. Am Schuljahresanfang.“
„Wo soll’s denn hingehen?“ Meine unvorsichtige Frage führt zu einem wilden Durcheinander: „Mailand!“ „Prag!“ „Gardasee!“ „Kroatien!“ „Toskana!“ „Egal, Hauptsache Saufen!“ „Amsterdam!“ „Paris!“ „Party machen und Shoppen!“ „Au ja, Saufen!“ „Ich will an den Strand!“ „Bulgarien ist krass!“ „Ballermann!“
Bulgarien finde ich auch krass, und wenn schon Klassenfahrt, dann was Kulturelles. Also, trockene Kultur. Für die Schüler trocken, für die Lehrer entspannend. Zum Beispiel Toskana fände ich sehr schön – in einem Kulturkanal hab ich eine Reportage gesehen, wo glückliche Mittdreißiger in der warmen Sonne sitzen, einen schicken Hut auf dem Kopf und ein gepflegtes Glas Rotwein in der Hand. Genau da sehe ich mich schon, umringt von wissbegierigen Schülern, denen ich irgendwelche halbgaren Weisheiten über das Licht und die Farbwelt der Toskana in die Großhirnrinden diktiere. Vielleicht wäre es doch ganz nett, die Klasse als Klassleiter zu haben?